Europa in Zehlendorf: „Wilma“ auf dem Weg zur 'Botschafterschule des Europäischen Parlaments'

Den Besuch des Staatssekretärs Mark Rackles an der „Wima“ ließ sich auch der für unsere Region zuständige Tagesspiegel-Blogger Boris Buchholz nicht entgehen. Wir zitieren auszugsweise aus seinem „Leute-Blog“, der übrigens auch lesenswert ist, wenn unsere „Wilma“ nicht darin vorkommt.

Das Team der ersten "JuBos" mit dem Ehrengast Rackles. Staatssekretär Rackles diskutierte engagiert mit dem DebatingClub. Vor der Eröffnung des Infopoints erklärt Staatssekretär Rackles, was ihm Europa bedeutet.

Für einen Dienstagmorgen, 8 Uhr, war es ein heftiges Thema: Soll Sterbehilfe in Europa legalisiert werden? Die Mitglieder des Debating Clubs der Wilma-Rudolph-Oberschule argumentierten auf hohem Niveau, tauschten Pro und Contra aus, hatten Beispiele und moralische Bedenken parat – alles auf Englisch. Auch der Ehrengast der Veranstaltung dachte und stritt engagiert mit: „That is the question of freedom“, sagte Bildungsstaatssekretär Mark Rackles (SPD) zum Beispiel, aber „assisted dying“, so heißt Sterbehilfe auf englisch, „shouldn’t be too easy“. Und dann bat er die Schüler um Hilfe, was sei nochmal die richtige englische Vokabel für „Hürden“? Eine ganz klare Position vertrat Xenia, sie sprach sich strikt gegen Sterbehilfe aus. Ärzte würden zu Mördern, zu Henkern, sagte sie, „weder die Todesstrafe noch Sterbehilfe können legitimiert werden“. Elina – sie gehörte zum Pro-Team – erzählte vom Sterben ihres Großvaters, der gefühlt habe, „dass ihn alle Würde und Hoffnung verlassen habe“. Die Schülerinnen und Schüler der zwölften Klasse haben sich einem heiklen Problem gewidmet.

Dass an der Dahlemer Schule über Europa diskutiert wird, ist nicht neu. Viele der Oberschüler absolvieren während ihrer Schulzeit Auslandsaufenthalte, Englisch (es gibt ein bilinguales Profil), Französisch und Spanisch werden unterrichtet, im Unterricht werden europäische und nordatlantische Themen regelmäßig angesprochen. Seit Februar ist das europäische Engagement der Schulgemeinschaft auch offiziell anerkannt: Die Wilma-Rudolph-Oberschule ist zu einer der ersten Botschafterschulen des Europäischen Parlaments in Berlin ernannt worden. Der offizielle Festakt wird wohl im Mai stattfinden. Doch schon bei der Europa-Debatte zur Sterbehilfe tummelten sich im Publikum Juniorbotschafter in blauen EU-T-Shirts – auch einige Seniorbotschafter waren anwesend.

Sie hätten sich mit einem Video um den Botschaftstatus beworben und ihre Bewerbung zusammen mit den Schülerinnen und Schülern im Europäisches Haus Berlin am Brandenburger Tor persönlich abgegeben, berichtet Marijana Marquez, sie ist Lehrerin und Seniorbotschafterin der „Wilma“, im Schuljargon kurz Sebo genannt. Die Auswahlkommision sei „begeistert von dem Video“ gewesen. „Ich bin wahrscheinlich ein Ur-Sebo“, erklärte Mark Rackles: Der heutige Bildungspolitiker leitete ab 2007 vier Jahre lang das Referat für Europapolitik in der Senatskanzlei.

„Ich bin sehr stolz, dass wir in Deutschland eine positive Grundeinstellung zur EU haben“, sagte der Staatssekretär der Schulgemeinschaft im Anschluss an die Sterbehilfe-Diskussion bei der Eröffnung des Europa-Info-Stands im Foyer der Schule. Die Junior-EU-Botschafter Ricardo, Rebekka und Annika, die den Stand fortan betreuen, versprachen Infos zu aktuellen Themen, Abstimmungen über Europa-Themen und dass die Lehrerinnen und Lehrer am Stand „eine untergeordnete Rolle spielen“.

Im Tagesspiegel-Gespräch erklärte Staatssekretär Rackles, dass der Status als EU-Botschafterschule „Exzellenz beweist“. Er habe sich sehr gefreut, „dass es eine Integrierte Sekundarschule ist“, die diesen Status errungen hat, die meisten der Mitbewerber seien Gymnasien. Die jungen Menschen „gucken über die Grenzen hinaus, das haben die Jugendlichen ganz selbstverständlich drauf“. Das sei ein großer Gegensatz zu den 30- bis 40-Jährigen, einer „verlorenen Generation“. Doch Themen wie Klimaschutz und Krieg und Frieden könne man nur europäisch lösen. Auf die Frage, was er sich von den EU-Botschafterinnen und -Botschaftern an der Wilma-Rudolph-Oberschule wünsche, antwortete er lächelnd: „Ich fände es schön, wenn die Wilma-Rudolph-Oberschule noch stärkere Bindungen in das Vereinigte Köngreich aufbaut und dafür sorgt, dass die in zehn Jahren wieder in die EU zurückkommen.“

Dass das Botschafts-Team um Schulleiterin Maria Kottrup heiße Eisen anpacken kann, haben die Schülerinnen und Schüler und der Seniorbotschafter Jimmy Miller, er leitet den Debating Club, mit der Diskussion um Sterbehilfe schon bewiesen. Am Ende der Debatte waren sich die Diskutanten in zwei Punkten einig: „Everyone should have the right to die in dignity“, sagte Maya. Eine bindende europäische Gesetzgebung sollte es zur Sterbehilfe aber nicht geben, die Einzelstaaten sollten jeder für sich nationale Regelungen finden. Auf die Frage, ob sich die europäischen Staaten mit dem Thema „Assisted Dying“ beschäftigen sollten, hoben alle im Saal die Hand.

Aus: leute.tagesspiegel.de/steglitz-zehlendorf/macher/2019/03/28/76596/europa-ist-in-zehlendorf-die-wilma-rudolph-oberschule-ist-botschafterschule-des-europaeischen-parlaments [29.03.2019]

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